07 May 2026, 12:39

Halberstadts vergessene jüdische Geschichte zwischen Zerstörung und DDR-Instrumentalisierung

Rechteckige Plakette mit "Adolf Abraham" eingraviert, an einer Steinwand angebracht.

Halberstadts vergessene jüdische Geschichte zwischen Zerstörung und DDR-Instrumentalisierung

Halberstadts jüdische Geschichte reicht von einer einst blühenden neo-orthodoxen Gemeinde bis zu ihrer fast vollständigen Auslöschung unter der NS-Herrschaft. Die Synagoge der Stadt wurde während der Novemberpogrome 1938 zerstört – ein Ereignis, das, wie der Historiker Martin Gabriel betont, den Beginn ihres Niedergangs markierte. Jahrzehnte später offenbarten die Versuche der DDR, dieses Erbe durch Mahnmale, Literatur und politische Gesten aufzuarbeiten, tiefe Widersprüche in ihrem antifaschistischen Selbstverständnis.

Vor der NS-Zeit war Halberstadt ein bedeutendes Zentrum des neo-orthodoxen Judentums. Während des „Dritten Reiches“ wurde die Gemeinde systematisch vernichtet; nur eine Handvoll Überlebender blieb zurück. 1961 war Willy Calm der letzte Jude der Stadt – als offizieller Vertreter einer Gemeinschaft, die es nicht mehr gab.

1949 entstand auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt ein Mahnmal, das zunächst den Opfern von Zwangsarbeit gewidmet war. Doch seine Bedeutung verschob sich im Laufe der Zeit. 1969 wurde es umgestaltet – zu einem Ort politischer Treuebekundungen, der direkt über den Gräbern von Häftlingen errichtet wurde.

Gleichzeitig förderte die DDR ausgewählte Aspekte jüdischer Kultur. Romane wie Die Bilder des Zeugen Schattmann von Peter Edel oder Jakob der Lügner von Jurek Becker erschienen und spiegelten ein gezielt ausgewähltes Bild jüdischen Erbes wider. Die niederländische Widerstandskämpferin und Sängerin Lin Jaldati zog 1952 nach Ost-Berlin und veröffentlichte dort drei Langspielplatten. Doch nach dem Sechstagekrieg 1967 wurden ihre Auftritte aus dem Programm gestrichen – ein Beispiel für das selektive Gedächtnis des Staates.

Hinter der Fassade blieben düstere Realitäten bestehen. In den 1970er-Jahren nutzte die Nationalen Volksarmee der DDR das Tunnelsystem des ehemaligen Konzentrationslagers als Militärdepot. Jahrzehnte später, 2018, löste der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen Gerüchte über einen „Verkauf an die Juden“ aus – ein Vorfall, der den Historiker Philipp Graf veranlasste, sich mit der unbewältigten Vergangenheit der Stadt auseinanderzusetzen.

In seinem Buch Verweigerte Erinnerung zeigt Graf, wie Halberstadts jüdische Geschichte in der DDR zugleich unterdrückt und instrumentalisiert wurde. Die antifaschistische Rhetorik des Staates stand im Widerspruch zu seiner mangelnden Aufarbeitung der NS-Verbrechen und der fehlenden Unterstützung für die wenigen verbliebenen jüdischen Gemeinden. Noch heute ist die Vergangenheit der Stadt ein umkämpfter Erinnerungsort, an dem Mahnmale und politische Gesten die tiefer liegenden Schweigen nur unvollständig überdecken.

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