Kratzers provokante Schumann-Inszenierung spaltet die Hamburger Staatsoper
Siegrid RöhrichtKratzers provokante Schumann-Inszenierung spaltet die Hamburger Staatsoper
Tobias Kratzers mutige Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri feiert Premiere an der Hamburger Staatsoper
Die moderne Interpretation des Schumann-Oratoriums durch den Regisseur hat starke Reaktionen ausgelöst – eine Mischung aus zeitgenössischen Themen und eindrucksvoller Bühnengestaltung. Das Publikum reagierte mit Buhrufen und begeistertem Applaus.
Von Beginn an brach die Aufführung mit theatralischen Konventionen. Kratzer ließ die Darsteller aus der Handlung heraustreten und das Publikum unter grell hellem Saallicht direkt ansprechen. Kameras übertrugen Live-Nahaufnahmen auf Leinwände und fügten so zusätzliche Kommentarebenen zum dramatischen Geschehen hinzu.
Auf der Bühne nahm die Handlung eine radikale Wendung. Der sterbende Jüngling – eine zentrale Figur in Schumanns Werk – wurde als schwarzer Mann dargestellt, der sich einem weißen Anführer widersetzte. Die Mordszene entwickelte sich zu einem kollektiven Akt: Bühnensblut spritzte auf Peri, deren weißes Kleid befleckt wurde, während sie zwischen der Menge stand. Später verließ die Sängerin Vera-Lotte Boecker die Bühne vollständig, stieg ins Parkett und setzte sich zu einer weinenden Zuschauerin – eine Geste, die die Grenze zwischen Darsteller und Publikum verschwimmen ließ.
Der dritte Akt rückte die Klimakrise in den Fokus. Kinder spielten unter einer Plastikkuppel, ein visuelles Symbol für die Zerbrechlichkeit der Umwelt. Gleichzeitig verkörperte der Chor heutige Zivilisten, die in einen von einer weißen Figur entfachten Krieg hineingezogen werden – eine Anspielung auf Kratzers Absicht, reale Machtkämpfe widerzuspiegeln. Die provokante Inszenierung veranlasste einen Zuschauer, mitten in der Vorstellung "Buh!" zu rufen und den Saal zu verlassen.
Doch bei den Schlussverbeugungen hatte sich die Stimmung gewandelt. Der Großteil des Premierenpublikums erhob sich zu jubelnder Zustimmung und feierte Kratzers Vision. In seinen Anmerkungen nach der Vorstellung betonte der Regisseur sein Ziel, die Hamburger Staatsoper zu einem offeneren, gesellschaftlich engagierteren Ort für die Stadt zu machen.
Mit der Verbindung politischer Themen und immersiver Techniken setzt die Produktion einen neuen Ton für Kratzers Amtszeit. Sein Das Paradies und die Peri sprengt traditionelle Operngrenzen und führt die Kunstform in drängende, moderne Diskurse. Die Hamburger Staatsoper steht nun vor Lob und Debatten, während sie unter seiner Leitung voranschreitet.






