16 January 2026, 16:01

Reclam bringt Die Ärzte und Bob Dylan neben Goethe in seine Klassiker-Reihe

Ein altes, abgenutztes Manuskriptblatt mit deutschem Text und musikalischer Notation in einer traditionellen deutschen Schriftart.

Reclam bringt Die Ärzte und Bob Dylan neben Goethe in seine Klassiker-Reihe

Reclam veröffentlicht Songtexte in seiner Klassiker-Reihe

Der deutsche Verlag Reclam hat begonnen, Liedtexte in seine Reihe klassischer Literatur aufzunehmen. Damit erweitert er seinen traditionellen Kanon, der einst vor allem über Lyrik und Prosa die nationale Identität prägte. Nun stehen Musiker wie Bob Dylan und Die Ärzte neben Goethe und Schiller in den Bücherregalen.

Die gelb-rot gebundenen Heftchen von Reclam gelten seit langem als Symbol literarischer Wertschätzung in Deutschland. Doch die jüngsten Neuerscheinungen des Verlags umfassen Texte von Bands wie Die Ärzte und Tocotronic sowie von Solokünstlern wie Rio Reiser und Reinhard Mey. Ihre Aufnahme markiert einen Wandel in der Frage, was das Unternehmen als kulturell grundlegend betrachtet.

Die Sammlung mit Texten von Die Ärzte entwickelte sich im vergangenen Jahr zu einem der meistverkauften Titel bei Reclam – und überflügelte sogar Goethes Faust. Die komplexen Reime und Wortspiele der Band wurden als technisch anspruchsvoll gelobt – Fähigkeiten, die selbst Goethe bewundert hätte. Unterdessen erschienen Bob Dylans Texte in einer rot gebundenen Ausgabe, eine Kategorie, die Reclam für fremdsprachige Werke reserviert. Für 2026 sind weitere Bände geplant, darunter Werke von Herbert Grönemeyer und der verstorbenen Rosenstolz-Sängerin Anna R. Stand Januar wurden jedoch noch keine zusätzlichen Veröffentlichungen zeitgenössischer Musiker angekündigt. Reclam konzentriert sich nach wie vor hauptsächlich auf klassische Musikeditionen; Aktualisierungen werden über die offizielle Website bekannt gegeben.

Doch der neue Kanon spiegelt ein altes Ungleichgewicht wider: Frauen bleiben unterrepräsentiert – genau wie in der ursprünglichen literarischen Tradition. Selbst mit den modernen Ergänzungen stammt die Mehrheit der vorgestellten Künstler aus männlichen Reihen.

Reclams Entscheidung, Songtexte zu veröffentlichen, spiegelt eine breitere kulturelle Anerkennung des literarischen Werts von Musik wider. Das Verlagsprogramm verbindet nun jahrhundertealte Dichtung mit moderner Lyrik – auch wenn die Geschlechterkluft bestehen bleibt. Vorerst können Leser weitere Veröffentlichungen mit musikalischem Schwerpunkt erwarten – sofern sie zu Reclams sich wandelndem Verständnis nationaler Identität passen.